Interview „Neue Knochen gewinnen“

Mit Zahnimplantaten erhalten viele Menschen ihr Lächeln zurück, können wieder fest zubeißen und gut kauen. Voraussetzung für ein Zahnimplantat ist jedoch ein gesunder und ausreichend vorhandener Kieferknochen. Ist dies nicht der Fall, kann die moderne Zahnmedizin gezielt nachhelfen. Dr. Silke Liebrecht, Oberärztin im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Köln, schildert im Interview mit proDente welche Möglichkeiten es gibt.

Manchen Patienten fehlt genügend Kieferknochen für ein Implantat. Müssen sie darauf verzichten?

Nein. Wenn für eine Implantation nicht genügend Knochenhöhe und –breite zur Verfügung steht, um eine ausreichend lange und breite Implantatschraube verankern zu können, kann beispielsweise mit Hilfe der Augmentation neuer Knochen in der Region gewonnen werden. Positiv daran ist, dass mit dieser Methode eine Implantatverankerung auch bei wenig Knochenangebot möglich geworden ist. Kritisch ist, dass dies mit einem größeren chirurgischen Aufwand verbunden ist, der natürlich zum einen mehr Operationsrisiken in sich birgt, zum anderen aber auch mit mehr Kosten verbunden ist.

Die moderne Zahnmedizin verwendet neben eigenem Knochenmaterial vom Patienten künstliches  Knochenersatzmaterial oder gar gezüchtete Knochen zum Kieferaufbau. Was kann man sich darunter vorstellen?

Es sind inzwischen zahlreiche Knochenersatzmaterialien entwickelt worden.
Das Knochenersatzmaterial wird dabei aus Tierknochen, Korallen und  Algen gewonnen oder synthetisch hergestellt. Es dient als Stützmaterial und wird zusätzlich mit speziellen Folien oder Membranen abgedeckt. Die Knochenneubildung geht vom körpereigenen Restknochen aus. Da Knochen die Fähigkeit zur Regeneration und Neubildung haben, heilen diese Defekte knöchern aus. Es gibt inzwischen auch erste Versuche körpereigenen Knochen außerhalb des Körpers zu züchten. Allerdings sind diese Methoden noch nicht hinreichend klinisch nachuntersucht worden.

Was ist der Unterschied zwischen ‚Augmentation’ und ‚Sinuslift’?

Beide Methoden dienen der Knochengewinnung für eine Implantation. Bei der Augmentation wird Knochen (vom Patienten) oder Knochenersatzmaterial auf den Kieferkamm in der zu implantierenden Region aufgelagert. Bei größeren Mengen wird dies häufig mit patienteneigenem Knochen z.B. aus dem Kinn oder auch Beckenkamm durchgeführt. Nach einer Heilungszeit von bis zu ca. 6 Monaten wird anschließend implantiert. Bei kleineren Defekten kann die Augmentation zusammen mit der Implantation erfolgen.

Der Sinuslift ist eine Methode der Augmentation, der nur im Oberkiefer im Bereich der Kieferhöhle zum Einsatz kommt. Bei stark ausgewölbten Kieferhöhlen ist meist nicht genügend eigener Knochen vorhanden, um das Implantat fest darin zu verankern. Um hier Knochen zu gewinnen, wird die Kieferhöhlenschleimhaut von der knöchernen Kieferhöhlenwand über einen seitlichen Zugang gelöst und der Zwischenraum mit eigenem Knochen oder Knochenersatzmaterial aufgefüllt. Der so gewonnene Knochen dient der zusätzlichen Implantatverankerung.

Wieviel Zeit liegt zwischen der Einheilung des Knochenersatzmaterials und dem Setzen des Implantates?

Die Einheilungszeit des Knochenersatzmaterials hängt u.a. von der Größe des Knochendefektes und der Struktur des eingesetzten Füllmateriales ab. Sie kann bis zu sechs Monate dauern. Dagegen ist es bei kleinen Knochendefekten möglich, das Knochenersatzmaterial zusammen mit dem Implantat einzubringen, so dass hier keine zusätzliche Einheilungszeit erforderlich ist.

Ist der Patient in der Zwischenzeit ohne prothetische Versorgung?

Nein. In der Zwischenzeit kann der Patient beispielsweise mit einer provisorischen Brücke oder Prothese versorgt werden. Der aufgebaute Kieferkamm soll allerdings während der Einheilungszeit möglichst wenig belastet werden, um eine optimale Knochenregeneration zu erzielen. Aus diesem Grund müssen vor allem Prothesen in der Einheilungszeit gut kontrolliert werden.

Ist eine Sofortimplantation möglich, wenn ein Knochenaufbau erfolgen muss?

Bei kleinen Knochendefekten kann die Sofortimplantation zusammen mit der Augmentation durchgeführt werden. Dabei ist es wichtig, dass das Implantat ausreichend stabil im Knochen verankert werden kann (Primärstabilität). Fehlt das Knochenangebot vor allem in der Höhe, muss auf die Sofortimplantation verzichtet und zunächst Knochen aufgebaut werden.

Hält ein aufgebauter Kieferknochen für die Ewigkeit?

Das hängt von dem verwendeten Knochenersatzmaterial und der Größe des Defektes ab. Klinische Studien konnten aber zeigen, dass beispielsweise der neu gebildete Knochen bei der Verwendung von patienteneigenem Knochen in Kombination mit Knochenersatzmaterial auch langfristig stabil war und mit dem nichtaufgebauten Knochen bei Implantaten zu vergleichen war.

Müssen aufgebaute Kiefer und implantierte Zähne besonders gepflegt werden?

Die Mundhygiene entspricht den Anforderungen eines natürlichen Zahnes, das heißt die Implantate sind mit Zahnbürste und Interdentalbürste zu reinigen.
Etwas schwieriger erweist sich oft die Reinigung  implantatgetragener Stegprothesen, da die Implantatoberfläche auch unter dem Steg gut gesäubert werden muss. Bei den regelmäßigen Implantatkontrollen hat der Zahnarzt natürlich ein besonderes Augenmerk auf die Mundhygiene. Sollte diese nicht perfekt sein, wird der Patient von seinem Zahnarzt erneut unterwiesen.

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