Anästhesisten machen Narkose sicher: Deutsche Sicherheitsstandartszählen zu den besten in Europa

Checklisten wie aus der Luftfahrt,ausgeklügelte Fehlermeldesysteme und einheitliche Farbkennzeichnungen von Spritzen sind Beispiele, wie die Patientensicherheit im Arbeitsalltag von Anästhesisten gewährleistet wird. Ein Bündel solcher Maßnahmen hat die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V.(DGAI) im Rahmen der Helsinki- Deklaration verabschiedet. Die in der europäischen Initiative zur Patientensicherheit geforderten Qualitätsstandards wurden innerhalb von zwölf Monaten von der DGAI in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V.(BDA) umgesetzt. Im Bereich der Fehlermeldesysteme hat das deutsche Modell eine internationale Vorreiterrolle erlangt.

Mit der Gründung eines „Nationalen Forschungszentrum AINS“ will die DGAI neben der Patientensicherheit auch die Bedeutung der Anästhesiologie für den Heilverlauf konsequent weiter entwickeln. Diese Aktivitäten zur Optimierung der Patientensicherheit sind gerade vor dem Hintergrund der dermografischen Entwicklung und es Ärztemangels dringend notwendig.  Dies berichteten Vertreter der DGAI und des BDA anlässlich des Deutschen Anästhesiecongress (DAC) in Leipzig.

„Die Anästhesiologie trägt seit jeher große Verantwortung für die Qualität und für die Sicherheit der Patienten in der Anästhesie,Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie sowie der Palliativmedizin“, erläutert Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik,Kongresspräsident des DAC, das Kongressmotto „Anästhesieologie bedeutet Patientensicherheit“ im Rahmen einer Pressekonferenz. Die seit Juni 2010 geltenden europaweiten Maßnahmen zur  Patientensicherheit, die mit der Helsinki-Deklaration 2010 verabschiedet und von den deutschen Anästhesisten als erste innerhalb von zwölf Monaten umgesetzt wurden, bieten hierzulande einen hohen Sicherheitsstandard.

Damit wurde die Grundlage geschaffen, dass jede anästhesiologische Abteilung-  egal ob es sich um eine große Universitätsklinik oder ein kleineres Krankenhaus  handelt- alle Handlungsanweisungen und Vorrausetzungen der Helsinki- Deklaration in die eigenen Arbeitsstrukturen umsetzen kann. Für die Patienten bedeutet dies, dass anästhesieassoziierten Mortalitätsrisiko von 0,04 pro 10.000 Narkosen so sicher wie noch nie sind. „Dies wird im Rahmen von jährlich rund 10 Millionen Anästhesien in Deutschland, an denen ca. 18.500 Fachärzteninnen und Fachärzte für Anästhesiologie und weiter rund 5.000 Weiterbildungsassistenten mitwirken, Tag für Tag bestätigt“, bekräftigt Werner.

Demografische Entwicklung – Herausforderung für die Anästhesisten

Die demografische Entwicklung wird die Anästhesie in den kommenden Jahren vor erhebliche Herausforderungen stellen. Denn die zu behandelnden Patienten werden immer älter und sind oft von vielen Erkrankungen gleichzeitig betroffen, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Wurden 2006 rund 190.000 über 80-jährige Patienten hierzulande an den Verdauungsorganen operiert, waren es 2009 bereits über 300.000. Gleichzeitig ist die Zahl der notwendigen Operationen insgesamt um über 2 Millionen gestiegen“, so der Vizepräsident der DGAI, Prof. Dr. med. Christian Werner, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Da das Risiko für Narkosekomplikationen bei älteren und oftmals multimorbiden Patienten höher ist als bei gesunden, kommt es aufgrund der demografischen Entwicklung zu einem rein rechnerisch bedingten Anstieg des Sterberisikos auf 2,7 pro 10.000 Narkosen [1]. Ein Grund mehr, die Sicherheit der Anästhesie weiter zu optimieren.

Deutsches Fehlermeldesystem CIRS-AINS setzt internationale Standards

Wie in der Helsinki-Deklaration gefordert, sind Patientensicherheits- und Fehlermeidungssysteme (CIRS) ein fester Bestandteil der Sicherheitsstruktur in anästhesiologischen Abteilungen. Gemäß dem Prinzip „Lernen aus Fehlern“ werden freiwillig und anonym gemeldete, sicherheitsrelevante Ereignisse analysiert und als Lehrmaterial aufbereitet. Einzigartig ist, dass durch einzelne Ereignisse Einblicke in mögliche systematische Schwachstellen und Problembereiche erlangt werden und durch deren Verbesserung die Patientensicherheit nachhaltig erhöht werden kann. Mit CIRSmedical Anästhesiolgie (CIRS-AINS) steht in Deutschland die größte fachspezifische Fehlermeldeplattform in der Medizin zur Verfügung. „Auch im internationalen Vergleich setzt das deutsche Meldesystem Standards. Weltweit wird auf das deutsche Know-how zurückgegriffen“, erläutert der DGAI-Generalsekretär Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hugo Van Aken, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Münster.

Patientensicherheit weiter stärken: Nationales Forschungszentrum AINS

Mit diesem Status quo gibt sich die DGAI nicht zufrieden, sondern initiiert kontinuierlich weitere Maßnahmen zur Optimierung der Patientensicherheit. So wurde das Fehlermeldesystem CIRS-AINS, das anfänglich nur in Kliniken initialisiert war, auf den ambulanten Bereich ausgeweitet. Mit der Gründung eines „Nationalen Forschungszentrums AINS“ soll eine zentrale Datenbank mit unter anderem anästhesiologischen und intensivmedizinischen Daten aufgebaut werden. Somit sollen neue Handlungsfelder mit Zukunftspotential identifiziert, klinische Studien gefördert, Behandlungsformen analysiert und Versorgungsforschung durchgeführt werden. Zudem hat die Stiftung Deutsche Anästhesiologie erstmals den „Safe-Anaesthesia-Award“ verliehen. „Mit dem Preis werden herausragende Projekte und wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Patientensicherheit in der Anästhesiologie gewürdigt“, erklärt der Stiftungsvorstand Prof. Dr. med. Dr. h.c. Klaus van Ackern. Der diesjährige Preis wurde Dr. med. Michael St.Pierre, Oberarzt der Anästhesiologischen Klinik, Universitätsklinikum Erlangen, verliehen. Er hat die Effektivität von CIRS-AINS maßgeblich im Hinblick auf die Sicherstellung des organisationellen Lernens sowie der Begleitung von Veränderungen vor Ort in Kliniken weiterentwickelt.

Gegen den Ärztemangel – Nachwuchsgewinnung hat oberste Priorität

„Ein Mangel an qualifiziertem Nachwuchs – wie er in allen anderen Facharztgruppen auch herrscht – birgt zunehmend die Gefahr, dass eine durchgängige qualitativ hochwertige Patientenbetreuung nicht mehr zur Verfügung steht“, beschreibt der Präsident des BDA, Prof. Dr. med. Götz Geldner, Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Ludwigsburg-Bietigheim gGmbH, die Konsequenzen des Ärztemangels für die Anästhesiologie. Einer Umfrage des BDA [2] zufolge sind in 50 Prozent aller Anästhesieabteilungen – meist unabhängig von der Größe und der Art des Krankenhauses – die Arztstellen nicht besetzt. Dies betrifft vor allem Krankenhäuser in strukturschwachen Gebieten. Als Reaktion auf den Ärztemangel haben DGAI und BDA gemeinsam die bundesweite Kampagne „Mein Pulsschlag“ zur Gewinnung von Anästhesisten-Nachwuchs gestartet. Seit 2010 werden Medizinstudenten sowie jungen Ärztinnen und Ärzten die Attraktivität der Anästhesiologie durch zahlreiche Aktionen und Informationsangebote näher gebracht.

Fazit: Narkosen sind so sicher wie noch wie

„Wir stehen mit all unseren Programmen im europäischen Vergleich mit in der vordersten Reihe“, bewertet Van Aken, auf dessen Initiative die Helsinki- Deklaration entstanden ist, den deutschen Sicherheitsstandard. „Für den Patient bedeutet dies, dass Narkosen so sicher wie noch nie sind“, so der DGAIGeneralsekretär. Dennoch ist nach Auffassung von Van Aken eine verbesserte Finanzierung der Weiterbildung unumgänglich. „Aufgrund der vorgestellten Rahmenbedingungen und den gestiegenen Anforderungen in der Weiterbildung sowie den höheren ethischen Standards ist die Weiterbildung an teilweise multimorbiden Patienten heutzutage nicht mehr akzeptabel. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass effektives Lernen an Simulatoren möglich ist. Daher benötigen wir dringend eine verbesserte Finanzierung der Weiterbildung“, fasst Van Aken abschließend seine Forderung zusammen.

Quelle: „Dental Barometer“

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