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Parodontitis – Vorbeugen – Früherkennung und Behandlung

Dienstag, August 11th, 2009

Parodontitis  – die schleichende Gefahr

War früher vor allem die Karies Hauptursache für Zahnverlust, so ist es heute die Parodontitis (im Volksmunde Parodontose genannt) – eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates – die zum Zahnverlust führen kann. Zahlen aus einer groß angelegten wissenschaftlichen Untersuchung, der Deutschen Mundgesundheitsstudie IV aus dem Jahr 2006, belegten, dass die Parodontitis eine weit verbreitete Krankheit ist, Experten sprechen sogar von einer Volkskrankheit:  75 Prozent der Bevölkerung über 35 Jahre haben Parodontitis, 40 Prozent der Bevölkerung zeigen Symptome einer mittelschweren Erkrankung und 6 Prozent der 35 – bis 44 – Jährigen, 18 Prozent der Senioren im Alter von 65 bis 74 Jahren leiden gar an einer schweren Erkrankungsform. Das Heimtückische an der Erkrankung ist, dass sie meist ohne Schmerzen schleichend fortschreitet und oftmals zunächst nicht vom Patienten erkannt wird. Gefährlich wird es dadurch, dass eine unbehandelte Parodontitis zum Teil schwerwiegende Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit haben kann.

Zu wenig ist in der Bevölkerung über die Parodontitis, ihre Folgen und Möglichkeiten der der Vorbeugung bekannt. Hier soll dieser Beitrag Abhilfe schaffen, Wissenslücken schließen und praktische Informationen geben, die es leichter machen, Parodontitis rechtzeitig zu erkennen und erfolgreich zu behandeln.

Was ist eine Parodontitis?

 Bei einer Parodontitis handelt es sich um eine Entzündung des Zahnhalteapparates (Parodontium). Nicht der Zahn ist also krank, sondern viel mehr das Gewebe, das ihn im Kieferknochen verankert und ernährt. Die Parodontitis zerstört die Fasern, die den Zahn festhalten; setzt sich der Prozess ungehindert fort, lockert sich der Zahn und fällt schließlich aus. In den meisten Fällen schreitet die Parodontitis nur langsam fort (chronische parodontitis), manchmal kann es aber schon im Jugendlichen Alter zu einem rasch sich entwickelnden Gewebeverlust kommen (aggressive Parodontitis).

Ursachen für die Entstehung einer Parodontitis

In der Mundhöhle gibt es mehr als 600 unterschiedliche Bakterien, die meisten von ihnen harmlose natürliche Bewohner des Mundes, die unsere Gesundheit nicht gefährden. Einige wenige jedoch greifen aktiv durch Enzyme und Giftstoffe des Zahnfleisch an und können zu deutlich sichtbaren Entzündungen führen. Wirklich gefährlich können diese Bakterien jedoch nur dann werden, wenn sie sich – meist durch nachlässiges Zahnputzen begünstigt – in großer Zahl als zäh anhaftender Belag auf den Zahnoberfläschen festgesetzt haben. Die nun einsetztende Entzündung ist äußerlich an einer Schwellung und Blutungsneigung des Zahnfleischs gut zu erkennen. Sie reicht tief unter das Zahnfleisch bis in den Bereich des Kieferknochens hinein und wird als Gingivitis bezeichnet. Werden die bakteriellen Beläge nachfolgend nicht rasch durch gründliches Zähnputzen entfernt, kann die Entzündung zu einem nicht wieder umkehrbaren Verlust von Zahnhaltefasern und Teilen des Kieferknochens führen und wird dann als Parodontitis bezeichnet. Beläge, die ungestört längere Zeit auf den Zähnen haften bleiben, können darüber hinaus zu Zahnstein mineralisieren. Dieser wird dabei so fest, dass er nicht mehr mir der Zahnbürste wegggeputzt, sondern nur noch vom Zahnarzt und seinen Assistenzkräften mit speziellen Reinigungsgeräten vollständig entfernt werden kann.

Verlauf einer Parodontitis

  1. Bildung von bakerieller Plaque am Zahn und am umgebenden Zahnfleisch
  2. Infektion
  3. Entzündung an Zahnfleisch und Zahnhalteapparat
  4. Zahnfleischtaschenbildung
  5. Gewebeabbau

Die Rolle des Immunsystems

Der Krankheitsverlauf ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Eine entscheidende Rolle spielt das Immunsystem des Körpers. Intakte Abwehrkräfte schützen sehr wirksam gegen aggresive Mundhöhlenbakterien. Doch jede Schwächung des Immunsystems kann zu einer starken Zunahme bakterieller Plaque am Zahn und damit zu einer schädlichen Entzündungsreaktion führen. Risikofaktoren, die die natürlichen Schutzmechanismen des Körpers beeinträchtigen können, sind das Rauchen, ein unbehandelter Diabetes mellitus (Zuckererkrankung), Stress, Übergewicht und Mangel- bzw. Fehlernährung. Aber auch hormonelle Schwankungen (wie z.B. in der Pubertät, Schwangerschaft oder in den Wechseljahren) und eine Reihe vererbter Funktionsstörungen können die körperlichen Abwehrkräfte schwächen und so eine Parodontitiserkrankung fördern.

 Risikofaktoren für eine Parodontitis

  1. Unzureichende Mundhygiene
  2. Rauchen
  3. Stress
  4. Hormonelle Veränderungen
  5. Unbehandelter Diabetes mellitus
  6. Übergewicht
  7. Mangel- bzw. Fehlernährung
  8. Übermäßiger Alkoholkonsum
  9. Vererbte Funktiosstörungen

Woran erkennt man eine Parodontitis?

Obwohl eine Parodontitis meist lange Zeit schmerzlos verläuft, gibt es dennoch einige Warnsignale, die auf eine Erkrankung des Zahnhalteapparates hindeuten:

  1. Zahnfleischbluten (beim Zähneputzen, oder auch spontan)
  2. Rötungen und Schwellungen des Zahnfleischs
  3. Rückgang vom Zahnfleischs
  4. Empfindliche Zahnhälse
  5. Dauerhafter Mundgeruch oder fortwährend unangenehmer Geschmack im Mund
  6. Zahnfleischtaschen
  7. Änderung der Zahnstellung
  8. Länger werdende, gelockerte Zähne (im späteren Erkrankungsstadium)
  9. Eiteraustritt am Zahnfleischrand bei Massieren des Zahnfleischs (im späteren Erkrankungsstadium)

Die gesicherte Diagnose einer Parodontitis kann letztendlich nur der Zahnarzt stellen. Viele Menschen messen Zahnfleischbluten beim täglichen Zähneputzen keine Bedeutung bei – ein fataler Irrtum, denn werden die Frühsymptome nicht behandelt, schreitet die Erkrankung voran und kann zu einem Gesundheitsrisiko für den ganzen Körper werden. Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie schätzt, dass ca. 30 Mio. Erkrankungsfälle in Deutschland bislang unbehandelt geblieben sind. Je früher eine Parodontitis erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Schon mit einfachen Mitteln lässt sích die Erkrankung stoppen. Auch im fortgeschrittenen Stadium ist die Parodontitis noch erfolgreich behandelbar. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen durch den Zahnarzt sind deshalb sehr wichtig.

Diagnostik beim Zahnarzt

Mit einem speziellen Messinstrument, der Parodontalsonde, kann der Zahnarzt weitgehend schmerzfrei die Blutungsneigung des Zahnfleischs feststellen und die Tiefe von Zahnfleischtaschen messen. Bei dieser Methode – Erhebung des Parodontalen Sceening Index (PSI) – wird des Gebiss in sechs verschiedene Abschnitte eingeteilt und jeder Zahn mit seinem umliegenden Gewebe systematisch mit der Sonde untersucht. Die Befunde werden in Codes von 0 bis 4 zusammengefasst. Code 0 bedeutet, dass das Zahnfleisch gesund ist, bei Code 1 und 2 liegt eine Zahnfleischentzündung (Gingivitis) vor, Code 3 und 4 stehen für flache und tiefe Zahnfleischtaschen und deuten auf eine mittelschwere bis schwere Parodontitis-Erkrankung hin. Für jeden der sechs Abschnitte ist jeweils der höchste Code maßgebend. Zeigt der PSI parodontale Probleme, untersucht der Zahnarzt den Zahnhalteapparat gründlich und erhebt den sog. Parodontalstatus. Dabei werden Röntgenaufnahmen gemacht, die zeigen, ob sich der Kiefer zurückgebildet hat.  Die Untersuchung klärt, welche Form der Parodontitis letzendlich vorliegt. Aufgrund der Diagnose wird dann gezielt die behandlung eingeleitet. Ergibt die zahnärztliche Untersuchung eine schwere Form der Parodontitis, kann man zusätzlich einen Bakterientest durchführen. Dieser Test gibt Aufschluss darüber, ob in den Zahnfleischtaschen resistente Keime oder ungünstige Bakterienkombinationen vorhanden sind. Wenn ja, kann zusätzlich eine gezielte Antibiotika-Therapie oder die Desinfektion der Zahnfleischtaschen mit einer antibakteriellen Spüllösung erforderlich sein. Der Bakterientest wird auch schon bei mittelschweren Parodontitisformen durchgeführt, wenn gleichzeitig Allgemeinerkrankungen vorliegen oder die Abwehrkräfte geschwächt sind.

Einfluss der Parodontitis auf die Allgemeingesundheit

Parodontal kranke Zähne können eine gefährliche Eintrittspforte für schädliche Bakterien in den Körper werden. Gelangen diese Keime in die Blutbahn, können sie unter Umständen die Entstehung chronisch-entzündlicher Erkrankung begünstigen. So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass eine unbehandelte bleibende Parodontitis auch ein Risikofaktor für die Entstehung von Herz- bzw. Herz-Kreislauferkrankungen (allen voran Herzinfakt und Endokarditis), Atemwegserkrankungen (z.B. Lungenerkrankung) und Diabetes mellitus sein kann. Bei bereits vorgeschädigten Blutgefäßen verstärkt die Parodontitis das Risiko für einen Schlaganfall. Außerdem kann eine unbehandelte Parodontitis zu Komplikationen in der Schwangerschaft führen. Es werden auch wechselwirkungen zwischen Parodontitis und Osteoporose (Knochenschwund), rheumatoider Arthritis, Alzheimer sowei der Entstehung von Krebserkrankungen diskutiert.

Diabetes und Parodontitis

Die Wechselbeziehung zwischen Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Parodontitis werden bereits seit vielen Jahren untersucht. Inzwischen belegen viele Studien, dass das verstärkte Auftreten von Entzündungen am Zahnhalteapparat nicht nur eine der vielfältigen Komplikationen des Diabetes mellitus darstellt, sondern das umgekehrt eine unbehandelte Parodontitis die Einstellung der Blutzuckerspiegels massiv erschwert und somit die Folgen des Diabetes verschlimmern kann. Menschen, bei denen der Hausarzt eine Zuckerkrankheit festgestellt hat, sollten daher im Rahmen der Behandlung auch unbedingt den Zahnarzt aufsuchen. Diabetiker sollen besonders gewissenhaft auf ihre Mundgesundheit achten und die zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen zweimal im Jahr wahrnehmen.

Schwangerschaft und Parodontitis

Frauen sind in der Schwangerschaft anfälliger für Entzündungen des Zahnfleischs.  Eine schon vor der Schwangerschaft bestehende leichte Gingivitis kann sich zu einer heftigen Schwangerschaftsgingivitis ausweiten. Um dies zu vermeiden, sollten Zahnfleischentzündungen am besten schon vor einer Schwangerschaft therapiert und ausgeheilt sein. In der Schwangerschaft ist eine gründliche häusliche Mundhygiene besonders wichtig, um vor Emtzündungen geschützt zu werden. Liegt bei einer Schwangeren eine schwere Form der Parodontitis vor, so erhöht sich laut wissenschaftlicher Erkenntnis das Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft. In der Wissenschaft wird diskutiert, on parodontitisauslösende Bakterien, wenn sie in die Blutbahn gelangen, durch frühzeitige Stimulation der Wehen eine Frühgeburt auslösen können. Sollte bei der werdenden Mutter eine Parodontitis festgestellt werden, sollte sie in jedem Fall – in Absprache mit dem Frauenarzt – behandelt werden.